Das Alpha und Omega der Medien

February 7, 2010 § Leave a comment

Heute is nicht mehr, was es einmal war. Statt sich in die Reihe mit “Gestern” und “Morgen” einzureihen, steht “Heute” heute auf der ersten Seite einer kleinen Boulevardzeitung aus Österreich. Wer gewohnt ist, sich mit philosophischen Kategorien den Zugriff auf den Alltag zu erleichtern, dem steht der Slogan dieses Blattes quer im Mund, denn die Ankündigung “Kein Morgen ohne Heute” läßt für einen kurzen Moment das Apokalyptische und Fragile der Gegenwart aufscheinen. In dieser doppelten Verkehrung der Terme, ist mit “Heute” nicht nur der heutige Tag gemeint, sondern auch die Zeitung selbst, die man in Händen hält. Der oder das “Morgen” bringt den nächsten Tag ins Spiel, bleibt hier aber ambivalent. Es könnte ja auch, der Nutzungsgewohnheit eines Boulevardblattes geschuldet, der Beginn des heutigen Tages gemeint sein. Waren sich die Schöpfer dieser kurzen, einprägsamen Zeile darüber bewusst; haben sie, nach zu vielen Semestern Philosophie, die gezielte Anrufung so alltäglicher (!) Begriffe in doppeldeutiger Absicht und Selbstüberschätzung zur Versöhnung mit ihrer Arbeit wissentlich in Kauf genommen, sogar provoziert?  Im scheinbar Alltäglichen ist nichts selbstverständlich, geschweige denn selbst erklärend. Und auch der übliche Mix aus Star News, Wetter und Verkehr, Konsumberatung und doppelbödiger Empörung ist kein so einfacher Weg, den Alltag mit Verständnis anzureichern – weder im Heute noch am Morgen.

Kategorien erleichtern den Zugriff auf die Umwelt. “Wer nicht in Kategorien denkt, denkt überhaupt nicht”, sagte schon Plato. Dem steht der freie Gedanke gegenüber, der sich (meist) nach der Technik der Assoziation und (zuweilen) auch Logik aufbaut. Auch das Gespräch setzt eine Denkart der Assoziation im Austausch voraus, wenn es versucht, einem Thema durch Eingrenzung und Abwägung näher zu kommen. Schon Heinrich von Kleist pries die besondere Qualität des Gesprächs in seiner Schrift “Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden” (1805). Für den Erfolg des Gesprächs ist die Begrenzung des Themas nötig, gleichtzeitig aber auch die Offenheit gegenüber weiteren Kategorien der Betrachtung. Was eine Datenbank nicht leisten kann, ist einzuschätzen, welche Begriffe oder Kategorien in einem Gespräch von Bedeutung sind, und welche eben nicht. In jener Ignoranz liegt ihre größte Stärke gegenüber dem Neuen, und gleichzeitig ihre größte Schwäche gegenüber der Kontinuität des Gedachten. Ein Begriff allein macht noch keine Kategorie.

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Den Alltag dialektisch verstehen

October 11, 2009 § Leave a comment

Eine Frage der Ähre

Eine Frage der Ähre

Man stelle sich einen Hamster mit mittlerer Reife auf der Durchreise von Amsterdam nach Berlin vor, der an der Raststätte Garbsen vor Hannover einen Zwischenstopp einlegt. In froher Erwartung einiger frischer Getreidekörner betritt der Hamster in Begleitung seines Frauchens die Raststätte und muss feststellen: Es gibt nur Wasser! Und das ist bei aller Kundenorientierung der Mitarbeiter auch nur auf Nachfrage zu erhalten. Da er in Damenbegleitung ist, muss er sich der Nahrungsbeschaffung alleine widmen – nur Herrchen dürfen hier ihren Schutzbefohlenen zu Seite stehen.

Auch der etwas betagte Dalmatiner W., der gegen 9.30 Uhr in Begleitung der Familie M. aus G. in Garbsen ankommt, ist erschüttert. Hatte ihm die Grundschule und das Gymnasium bereits 12 Menschenjahre seines ohnehin kurzen Lebens geraubt, muss er jetzt zur Kenntnis nehmen, dass die freundlich-höfliche Anrede seiner Person nur darüber hinweg täuschen soll, dass auch für ihn hier an Wasser und Breckies nur „gedacht“ worden war, Taten sollten in unbestimmter Zeit folgen.

Stellen wir uns abschliessend also jene Person vor, an die sich dieses Schild eigentlich richtet – das Herrchen bzw. den Kunden in seiner Funktion als konsumierender Weltreisender, der zu jeder Zeit an jedem Ort der Autobahn eben jenen Komfort erwarten darf, den er in seiner unmittelbaren Lebensumgebung auch vorfindet. Schließlich ist er es, der, trotz aller Bemühungen demokratischer Bildungspolitik, von allen Mehrbeinern immer noch der einzige ist, der durch die Lektüre abstrakter Buchstaben (in den meisten Fällen) jene zu sinnvollen Worten zusammenfügen und (im besten Fall) auch verstehen kann.

Verstehen wir diese absurde Krönung von Kundenorientierung hier also richtig, müsste sich aus dem Geschriebenen eine Handlungsanweisung ergeben. Bleibt nur die Frage, wer hier handeln soll. Das „Herrchen“, das in absentia implizierte „Frauchen“ oder doch das Team aus Zwei- und Vierbeiner? Wir stellen uns also abschließend den mit Waffenschein ausgestatteten Rottweiler des ledigen Markus P. aus D. vor, der nach der Lektüre dieser Zeilen mit einem kühnen Sprung hinter die Theke des Raststätten-Shops – zu deutsch: Convenience Area – einen prekär beschäftigten Mitarbeiter in eine noch prekärere Lage bringt, indem er ihn durch eindeutiges Augenrollen und lautes Bellen AN DAS AUFFÜLLEN DER WASSERSCHÜSSEL ERINNERT.

PS: Beschwerden bitte an: Autobahn Tank & Rast GmbH,  Andreas-Hermes-Str. 7-9, 53175 Bonn. Telefon 0228/922-0, Email: kundenkontakt@serways.de

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