GentriAuthentiFiktion

March 11, 2011 § Leave a comment

Authentisch essen in Berlin beim "Strassenfeger", Ilsenburger Straße

Seit den beherzten und engagierten Protesten gegen die Räumung eines besetzten Hauses im Berliner Stadtteil Friedrichhain im Februar 2011, ist das Wort “Gentrifikation” zum täglichen Sprachgebrauch vieler Bewohner dieser Stadt geworden. Kaum eine Unterhaltung über Berlin kommt mittlerweile ohne dieses Schlagwort aus, das ein irgendwie unwohles Gefühl von Machtlosigkeit hervorruft. Damit gesellt sich G— zum zweiten Lieblingswort der Berliner Kulturelite: Authentizität.

Die längst solide etablierte Paarbeziehung von G— und A— könnte sicher bald dem ersten  Nachwuchs entgegensehen, wären da nicht gestrengen Eltern: Neoliberalismus und Elite. Eindrucksvoll an der Umgebung dieser Sprachfamilie ist die Leichtigkeit, mit der sie sich im alltäglichen Gebrauch bewegt, sodass mittlerweile auch die massenmedialen Nachrichten sich die Erklärung sparen und auf ein gefühlt angenommenes Grundverständnis der Begriffe berufen. Also mit Ausnahme von A— ist eigentlich alles andere schlecht, was der A— nun unter den zusammengewürfelten Neuberliner Kulturmenschen eine besondere Bedeutung gibt.

Warum 1)

Warum nun ist  A— in Berlin so wichtig? Alternativ liesse sich ja auch von Glaubwürdigkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit oder Aufgeschlossenheit sprechen. Authentisch hat aber nun mit Aufgeschlossenheit so viel zu tun wie Blaukraut mit Spaghetti. An je anderen Ecken der Stadt wird man eine vermüllte Strassenecke als Resource oder Beleidigung empfinden. Was aber trägt das zur A— bei? Authentisch Berlin ist am ehesten noch, dass man sich überhaupt dauernd diese Frage stellt. Auch nach 2 Jahrzehnten Wiedervereinigung ist nur eine Ahnung von Identität vorhanden.

Authentisch an Berlin wäre eine Molle und Korn am Abend, arbeiten bei Siemens, am Samstag shoppen im Europacenter, Schrebergärtnern zwischen S45 und Güterzug, Kuchen im Café Kranzler (West). Oder: Molle und Korn am Abend, arbeiten bei Osram, am Samstag shoppen in der Galeria Kaufhof, Schrebergärtnern zwischen S45 und Güterzug, Kuchen bei Thoben (Ost). Oder wie wär’s mit keine Molle, kein Korn, kein Schrebergarten, shoppen im Gesundbrunnencenter, keine Arbeit ausser mal beim Onkel im Auto- oder Gemüsehandel aushelfen (Ost wie West, eher West und eher Nord und Süd von Mitte). Genau diese Bevölkerungsgruppen, die ungefähr die Masse der Bewohner ausmachen, haben scheinbar kein A—s-problem, wohl aber eine Identität. Die Frage nach der A— des Berliner Lebens ist scheinbar ein Luxusproblem.

Warum 2)

Warum ist es gerade in Berlin so schwer zu verstehen, dass sich besonders Städte sehr schnell wandeln, wo doch gerade Berlin im In- wie Ausland für seine Wandlungsfähigkeit geliebt und gefeiert wird? R.E.M. schreiben für ihr neues Album gleich einen Song mit dem (hoffentlich) ironischen Titel “Überlin“. Allerhand Besucher kommen für längere oder kürzere Zeit in die Hauptstadt, die man “zumindest einmal gesehen haben sollte” (Musikerin, die noch nie in Berlin war). Neben “amazing”, “awesome”, “vibrant”, “exciting” oder ” クール” fallen den Auswärtigen nun alle möglichen positiven Attribute ein. Aber sicher nicht Gentrifikation.

Was Berliner unter G— verstehen lässt sich entweder positiv mit “Geschäftstüchtigkeit” oder negativ mit “Mietwucher” bezeichnen. So ist es denn auch eher die Regel als die Ausnahme, dass jahrzehntelang nichts in den Hausbestand investiert wird – Berliner kennen den Begriff “Mietersanierung” nur zu gut – und hernach die Liegenschaft als “Liebhaberstück” oder “Investitionsobjekt” an den Finanzinvestor gebracht wird. Plötzlich steigen die Mieten mit Phantasiezuwächsen, werden die Lofts gekalkt und die Dächer ausgebaut. Urbane Plätze sind plötzlich nicht mehr Aussenstelle der Drogenmafia und es kommt zu einem sprunghaften Anstieg relativ gut-situierter Bürger (d.h. beide Partner haben Arbeit) nebst Nachwuchs, die an Wochenenden so mondänen Tätigkeiten wie Kaffeetrinken, Zeitung lesen oder Spazieren gehen fröhnen. Und das vor 18 Uhr abends! Wie spiessig.

Fiktive und Reale Stadtprobleme

Wir wollen nicht in Abrede stellen, dass es in jeder halbwegs wachsenden Großstadt “G—entwicklungen” gibt. Durch den stetig zunehmenden Zuzug in Städte (1.,2.,& 3. Welt) und durch  das von Richard Florida u.a. attestierte Revival innerstädtischen Lebens als geographisch-lokalem Kreativnetzwerk ist die Stadt scheinbar lebenswerter als je zuvor. G— ist aber nicht gleichzusetzen mit Stadtentwicklung. Wo G— einsetzt, signalisiert sie zunächst einmal ein Versagen der Institutionen, die sich damit von offizieller Seite befassen sollten. In den letzten Jahren sind nicht nur die Anzahl der Lofts in Berlin gestiegen, sondern auch die der Automatencasinos im Franchisebetrieb. Nachdem nun ganze Stadteile mit obskuren Spielhöllen zugepflastert sind, erlässt man ein Gesetz, das die weitere Verbreitung zumindest einschränken soll. Zu spät, würde ich sagen. Aber da man nun einmal so abhängig von jedweder Einkunft auf der Habenseite des öffentlichen Kontos angewiesen ist, scheint man bei der Stadtplanung nicht so genau hinzuschauen.

G–A–Fiktion

Vergleichen wir doch abschliessend einmal Berlin mit einer Stadt, die in der Vergangenheit ganz ähnliche Probleme zu bewältigen hatte, und mir recht gut vertraut ist: Amsterdam. 

Authentische Bickerswerf in Amsterdam - nebst Vogelschutzinsel

In den 70’er Jahren richtete sich in den leer stehenden Lagerhäusern des Prinseneiland eine kreative Szene von LebensKünstlern, Musikern und Hausbesetzern ein. Johan van der Keukens Kurzfilme wie “De Muur” oder “Het Leesplankje” zeugen noch vom freien Geist dieser Tage. Zu den ikonischen Bildern der Stadt gehören auch die Hausboote in den Grachten, deren Bewohner erst nach langen Jahren der Duldung eine Art Bleiberecht erhielten. So sind Strom- und Wasseranschluss (mittlerweile auch Abwasser) nun offiziell vorhanden, es werden Pachtsteuern entrichtet und die Stadt hat sich mit den unsteten Bewohnern imagefördernd arrangiert. Aufgrund des akuten Platzmangels, kommt es aber bei Neubauten immer wieder zu Konflikten mit den alten Bewohnern.

 

Neues Viertel, Neues Leben

Bei der Bebauung des Westerdoks, einer Industriebrache nahe dem Hauptbahnhof, mussten einige Hausboote ihre Liegeplätze verlassen, und bekamen erst nach massiven Protesten dauerhafte Liegeplätze an der neuen Kaimauer. Dahinter entstanden Neubauten in gewohnt moderner, quadratischer Architektur, deren Apartments sich schon vom Preis her an eine relativ kleine Schicht richteten. Wer auf einer Insel ein gesamtes Viertel aus dem Boden stampft und alles innerhalb kurzer Zeit an wohlhabende Kunden veräussert betreibt aktive Gentrifikation. Allerdings gab es auf besagter Brache kaum authentisches, was hätte bewahrt werden müssen. Dazu kommt eine von der Stadt Amsterdam festgelegte Quote an Sozialwohnungen auch in der Innenstadt, was zu einer erhofften Durchmischung verschiedener Bewohnergruppen führen soll. Augenscheinlich passiert dies aufgrund von bürgerschaftlichem Engagement eher als im dogmatischen Berlin, wo von jedem Baugerüst gleich die damaszenerne Klinge des Neoliberalismus blinkt.

A— heisst in Berlin Nostalgie für eine Zeit, die man nicht kennt, die man mit Mitteln beleben möchte, die längst dem Wandel zum Opfer gefallen sind, den man selbst verursacht hat. Und leider erinnert G— stets genau an diesen Wandel, weshalb die beiden ein so ungleiches Paar bleiben werden, das noch lange keinen Nachwuchs bekommt.

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Berlin – Anmerkungen zu einem Symbol

September 14, 2010 § 1 Comment

Wer landauf, landab die deutschen Lande bereist, wird selbst bei kurzem Blick auf die Lebensumstände der Bewohner feststellen, dass es wohl kaum irgendwo so … (Lieblingsadjektiv einsetzen) ist, wie in Berlin. Man trifft hier und da auf wesentlich mehr Naturschönheit, auf wesentlich neuere Bauten oder auf wesentlich funktionalere Funktionsgebäude am Stadtrand.

Dabei ist Berlin wirklich im internationalen Vergleich eine sehr grüne Stadt, der Potsdamer Platz eine Ikone moderner Architektur und die Industriegebiete am Stadtrand … im Wesentlichen leer. Autos bauen die deutschen Hersteller nicht in Berlin. Nur Siemens hat noch eine Turbinenfabrik und BMW ein Motorradwerk. Solarfirmen gibt es, ja, aber von denen produzieren die meisten lieber in Brandenburg oder Mitteldeutschland. Die Arbeitslosigkeit in Berlin ist nach dem Fall zuerst der Mauer und dann der Berlin-Zulage bei launigen 13-14% eingeschlafen, während sie gesamtdeutsch momentan etwa halb so hoch ist.

Aus den Medien ist Berlin vor allem bekannt als “Stadt der Kreativen”, der “digitalen Boheme”, der “Brennpunktkieze”, der “Parallelgesellschaften” … und als Sitz der Bundesregierung. Die Anziehungskraft der Stadt für Zuwanderer aus Deutschland und der Welt ist damit nicht erklärt. Im Vergleich mit New York sind die Mieten sicher sehr viel billiger. Im Vergleich mit Prien am Chiemsee gibt es sicher mehr erstklassige Clubs und im Vergleich mit der Betonwüste Tokyo findet man sicher mehr ungenutzte Grünflächen zur Entspannung.

Allein als Symbol taugt Berlin als vielleicht einzige Stadt in Deutschland, die Träume von einem unbekümmerten Leben zu verwirklichen, denen in anderen Teilen der Republik Tradition, Lebenslauf oder Realitätssinn im Wege stehen. Mit der Heterogenität der Grossstadt, die es per se ja überall gibt, muss sich Alt- und Neuberlin allerdings noch anfreunden. Denn als Kehrseite der völligen Gesichtslosigkeit dieser Grossstadt, sind die Parallelgesellschaften längst strukturell und geographisch zum Mainstream geworden. Jeder Versuch, dieser Stadt ein Gesicht, geschweige denn eine Identität zu verpassen, ist stets Zeugnis für das Wiederstreben der Stadt und ihrer Bewohner ein solches zu brauchen. Weder in Moabit noch am Prenzlauer Berg hat ein Image der Stadt eine Bedeutung, dass über die Grenze des soziologischen Profils der Bekanntschaft hinausreicht, was von aussen betrachtet sehr lustig sein kann. Das ist woanders nichts Ungewöhnliches, aber in Berlin “ist” die Stadt auch geographisch nur das, was zum Bekanntenkreis gehört. Anders könnte man sich das beständige Streben der Berliner Kreativen nach einem Branding ihrer drei Lieblingsstadtteile im Namen der gesamten Stadt nicht erklären.

Beispiel der Morgenpostkampagne von um die Ecke beim Media Markt in der Wilmersdorfer

In einer neuen Kampagne für die eher konservative Tagesszeitung “Berliner Morgenpost” versucht die Prenzelberger Agentur Römer und Wildberger nun abermals Berlin mit einem Image zu versehen, das die Stadt sympathischer darstellt als es hier Lebende nachvollziehen können. In anderen Städten hieße es “unfreundlich”, in Berlin ist es eben “herzlich”. Doch selbst in Bayern wird man als Ausländer (Preuße) mehr Herzlichkeit in einer Wirtschaft antreffen, als im versnobten Mitte, wo jede Servicekraft wegen der drei abgebrochenen Studiengänge sich noch immer besser fühlt als die dahergelaufene Kundschaft.

Berlin ist keine Stadt

“Berlin ist gar keine Stadt, sondern Berlin gibt bloß den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen – und zwar darunter viele Menschen von Geist – versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist. Diese bilden das geistige Berlin.” (Heinrich Heine via Inforadio)

Daraus mag sich erklären, warum diese Stadt stets nur “sein” kann, was sie an Möglichkeit bietet. Das Imagegefasel rund um die Identität der Stadt bleibt ein ausgetretener Holzweg um die Probleme der Enklaven herum. Schon die “Be Berlin” Brandingkampagne des Senats von 2009 ist in ihrer Aussage so anheimelnd unbestimmt, dass daraus kein Bekenntnis zur Stadt erwachsen kann. Während Amsterdam mit der I amsterdam-Kampagne zumindest noch ironisch einen Bezug zum Namen und der Kreativität der Stadt herstellt, reicht es in Berlin nur zu einer eckigen Sprechblase, die imperativ den Bewohnern versucht, die Angst vor dem Bekenntnis zu nehmen. Doch das Problem der Stadt ist nicht ihr Image, sondern die symbolische Ausbeutung von Einzelaspekten im Namen der Mehrheit. Wer von Image redet, redet nicht von Lebensbedingungen, von Lebensqualität, von Gemeinsinn oder Zukunftsfähigkeit. Berlin ist, wenn man trotzdem S-Bahn fahren muss, ob se kommt oder nich.

Entweder fehlen dieser Stadt noch 10 Millionen Einwohner oder sie hat 200 Quadratkilometer zu viel Fläche, um den Sog einer echten Grossstadt zu entfalten. Wenn Metropolen Spiegel der Nationen sind, dann sind die versammelten Dörfer von Berlin so deutsch wie die Zugspitze, Mercedes und die Lüneburger Heide zusammen.

Anmerkungen

Hier ein paar weitere Anmerkungen, die auf www.das-ist-berlin.de, der Plattform der Imagekampagne, wohl keine Chance hätten.


Where Am I?

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