Urbane Miniaturen: Curry am Wansee

August 5, 2012 § Leave a comment

Curry am Wansee. Aus dem aufsteigenden Nebel grüßt Kladow herüber. BMW-Weltcupsegler dümpeln auf dem seichten Wasser vor sich hin. Schwarzwaldhäuser am Uferrand. “Kevin, komm von dem Klettergerüst herunter, das ist nass”. Sagt eine Frau zu ihren Freunden, dem Spielplatz zugewandt: “… und das steht hier, seit wir damals nach Berlin gezogen sind. Der Kleine wollte da immer rauf”. Damals in den 80’ern, als im See noch ein Zaun den Blick in die Freiheit der Welt versperrte – also aus der anderen Perspektive. Der weltgewandte Lebenskünstler, schlank, locker, herzend-scherzend grüßt die Schüchterne im Petrolkleid zum Abschied anzüglich: “That’s all I want” (baby, aber das sagt er nicht). Eine sichere Sache. Sie kommen alle her, die Schwaben, die in Spandau das beste Eis der Welt gefunden haben wollen, die Radler und die Junggesellen beim Kindl aus der Flasche. Auswanderer, wer weiß woher? Der Lautenspieler spielt jetzt leise “Who will stop the rain” und der Regen hört auf.

Urbane Miniaturen – Gastbeitrag

March 11, 2011 § Leave a comment

Dieser Gastbeitrag erreichte uns schon vor einiger Zeit. Wir geben ihn hier ungefiltert wieder, weil wir von seiner Qualität als urbane Miniatur, als Lebenszeichen des Stadtmenschen und seiner Empfindungen, überzeugt sind.

Unglaublich, wie trostlos und verstörend die Landschaft zwischen Braunschweig und Göttingen ist. Tiefer liegt der Nebel über den groben Feldern. Ein Industriegebiet entsteht. Berlin dagegen mit Sonnenschein und Qualitäten, wenn auch überfüllt und flüchtig. Neben Eindrücken des Wochenendes wieder Ankommen im Alltag. Büro. Heute ein Ausflug nach Franken, Anstieg der Temperatur im Raum während des Gesprächs um 2,4. Danach Landgasthof und Autobahn. Im Fernsehen Alfred Brendel bei Verleihung des Liszt Preises. Abschließend Biere im Stimmenmeer der Kneipe. Und Zeitung. Jochen sagt, sei gegrüßt. Das sag ich auch!

T. R. aus K—.

GentriAuthentiFiktion

March 11, 2011 § Leave a comment

Authentisch essen in Berlin beim "Strassenfeger", Ilsenburger Straße

Seit den beherzten und engagierten Protesten gegen die Räumung eines besetzten Hauses im Berliner Stadtteil Friedrichhain im Februar 2011, ist das Wort “Gentrifikation” zum täglichen Sprachgebrauch vieler Bewohner dieser Stadt geworden. Kaum eine Unterhaltung über Berlin kommt mittlerweile ohne dieses Schlagwort aus, das ein irgendwie unwohles Gefühl von Machtlosigkeit hervorruft. Damit gesellt sich G— zum zweiten Lieblingswort der Berliner Kulturelite: Authentizität.

Die längst solide etablierte Paarbeziehung von G— und A— könnte sicher bald dem ersten  Nachwuchs entgegensehen, wären da nicht gestrengen Eltern: Neoliberalismus und Elite. Eindrucksvoll an der Umgebung dieser Sprachfamilie ist die Leichtigkeit, mit der sie sich im alltäglichen Gebrauch bewegt, sodass mittlerweile auch die massenmedialen Nachrichten sich die Erklärung sparen und auf ein gefühlt angenommenes Grundverständnis der Begriffe berufen. Also mit Ausnahme von A— ist eigentlich alles andere schlecht, was der A— nun unter den zusammengewürfelten Neuberliner Kulturmenschen eine besondere Bedeutung gibt.

Warum 1)

Warum nun ist  A— in Berlin so wichtig? Alternativ liesse sich ja auch von Glaubwürdigkeit, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit oder Aufgeschlossenheit sprechen. Authentisch hat aber nun mit Aufgeschlossenheit so viel zu tun wie Blaukraut mit Spaghetti. An je anderen Ecken der Stadt wird man eine vermüllte Strassenecke als Resource oder Beleidigung empfinden. Was aber trägt das zur A— bei? Authentisch Berlin ist am ehesten noch, dass man sich überhaupt dauernd diese Frage stellt. Auch nach 2 Jahrzehnten Wiedervereinigung ist nur eine Ahnung von Identität vorhanden.

Authentisch an Berlin wäre eine Molle und Korn am Abend, arbeiten bei Siemens, am Samstag shoppen im Europacenter, Schrebergärtnern zwischen S45 und Güterzug, Kuchen im Café Kranzler (West). Oder: Molle und Korn am Abend, arbeiten bei Osram, am Samstag shoppen in der Galeria Kaufhof, Schrebergärtnern zwischen S45 und Güterzug, Kuchen bei Thoben (Ost). Oder wie wär’s mit keine Molle, kein Korn, kein Schrebergarten, shoppen im Gesundbrunnencenter, keine Arbeit ausser mal beim Onkel im Auto- oder Gemüsehandel aushelfen (Ost wie West, eher West und eher Nord und Süd von Mitte). Genau diese Bevölkerungsgruppen, die ungefähr die Masse der Bewohner ausmachen, haben scheinbar kein A—s-problem, wohl aber eine Identität. Die Frage nach der A— des Berliner Lebens ist scheinbar ein Luxusproblem.

Warum 2)

Warum ist es gerade in Berlin so schwer zu verstehen, dass sich besonders Städte sehr schnell wandeln, wo doch gerade Berlin im In- wie Ausland für seine Wandlungsfähigkeit geliebt und gefeiert wird? R.E.M. schreiben für ihr neues Album gleich einen Song mit dem (hoffentlich) ironischen Titel “Überlin“. Allerhand Besucher kommen für längere oder kürzere Zeit in die Hauptstadt, die man “zumindest einmal gesehen haben sollte” (Musikerin, die noch nie in Berlin war). Neben “amazing”, “awesome”, “vibrant”, “exciting” oder ” クール” fallen den Auswärtigen nun alle möglichen positiven Attribute ein. Aber sicher nicht Gentrifikation.

Was Berliner unter G— verstehen lässt sich entweder positiv mit “Geschäftstüchtigkeit” oder negativ mit “Mietwucher” bezeichnen. So ist es denn auch eher die Regel als die Ausnahme, dass jahrzehntelang nichts in den Hausbestand investiert wird – Berliner kennen den Begriff “Mietersanierung” nur zu gut – und hernach die Liegenschaft als “Liebhaberstück” oder “Investitionsobjekt” an den Finanzinvestor gebracht wird. Plötzlich steigen die Mieten mit Phantasiezuwächsen, werden die Lofts gekalkt und die Dächer ausgebaut. Urbane Plätze sind plötzlich nicht mehr Aussenstelle der Drogenmafia und es kommt zu einem sprunghaften Anstieg relativ gut-situierter Bürger (d.h. beide Partner haben Arbeit) nebst Nachwuchs, die an Wochenenden so mondänen Tätigkeiten wie Kaffeetrinken, Zeitung lesen oder Spazieren gehen fröhnen. Und das vor 18 Uhr abends! Wie spiessig.

Fiktive und Reale Stadtprobleme

Wir wollen nicht in Abrede stellen, dass es in jeder halbwegs wachsenden Großstadt “G—entwicklungen” gibt. Durch den stetig zunehmenden Zuzug in Städte (1.,2.,& 3. Welt) und durch  das von Richard Florida u.a. attestierte Revival innerstädtischen Lebens als geographisch-lokalem Kreativnetzwerk ist die Stadt scheinbar lebenswerter als je zuvor. G— ist aber nicht gleichzusetzen mit Stadtentwicklung. Wo G— einsetzt, signalisiert sie zunächst einmal ein Versagen der Institutionen, die sich damit von offizieller Seite befassen sollten. In den letzten Jahren sind nicht nur die Anzahl der Lofts in Berlin gestiegen, sondern auch die der Automatencasinos im Franchisebetrieb. Nachdem nun ganze Stadteile mit obskuren Spielhöllen zugepflastert sind, erlässt man ein Gesetz, das die weitere Verbreitung zumindest einschränken soll. Zu spät, würde ich sagen. Aber da man nun einmal so abhängig von jedweder Einkunft auf der Habenseite des öffentlichen Kontos angewiesen ist, scheint man bei der Stadtplanung nicht so genau hinzuschauen.

G–A–Fiktion

Vergleichen wir doch abschliessend einmal Berlin mit einer Stadt, die in der Vergangenheit ganz ähnliche Probleme zu bewältigen hatte, und mir recht gut vertraut ist: Amsterdam. 

Authentische Bickerswerf in Amsterdam - nebst Vogelschutzinsel

In den 70’er Jahren richtete sich in den leer stehenden Lagerhäusern des Prinseneiland eine kreative Szene von LebensKünstlern, Musikern und Hausbesetzern ein. Johan van der Keukens Kurzfilme wie “De Muur” oder “Het Leesplankje” zeugen noch vom freien Geist dieser Tage. Zu den ikonischen Bildern der Stadt gehören auch die Hausboote in den Grachten, deren Bewohner erst nach langen Jahren der Duldung eine Art Bleiberecht erhielten. So sind Strom- und Wasseranschluss (mittlerweile auch Abwasser) nun offiziell vorhanden, es werden Pachtsteuern entrichtet und die Stadt hat sich mit den unsteten Bewohnern imagefördernd arrangiert. Aufgrund des akuten Platzmangels, kommt es aber bei Neubauten immer wieder zu Konflikten mit den alten Bewohnern.

 

Neues Viertel, Neues Leben

Bei der Bebauung des Westerdoks, einer Industriebrache nahe dem Hauptbahnhof, mussten einige Hausboote ihre Liegeplätze verlassen, und bekamen erst nach massiven Protesten dauerhafte Liegeplätze an der neuen Kaimauer. Dahinter entstanden Neubauten in gewohnt moderner, quadratischer Architektur, deren Apartments sich schon vom Preis her an eine relativ kleine Schicht richteten. Wer auf einer Insel ein gesamtes Viertel aus dem Boden stampft und alles innerhalb kurzer Zeit an wohlhabende Kunden veräussert betreibt aktive Gentrifikation. Allerdings gab es auf besagter Brache kaum authentisches, was hätte bewahrt werden müssen. Dazu kommt eine von der Stadt Amsterdam festgelegte Quote an Sozialwohnungen auch in der Innenstadt, was zu einer erhofften Durchmischung verschiedener Bewohnergruppen führen soll. Augenscheinlich passiert dies aufgrund von bürgerschaftlichem Engagement eher als im dogmatischen Berlin, wo von jedem Baugerüst gleich die damaszenerne Klinge des Neoliberalismus blinkt.

A— heisst in Berlin Nostalgie für eine Zeit, die man nicht kennt, die man mit Mitteln beleben möchte, die längst dem Wandel zum Opfer gefallen sind, den man selbst verursacht hat. Und leider erinnert G— stets genau an diesen Wandel, weshalb die beiden ein so ungleiches Paar bleiben werden, das noch lange keinen Nachwuchs bekommt.

Bodies and technology

February 6, 2011 § 1 Comment

Ei Wada (和田 永様, *1987), a Japanese media-musician, is becoming a regular appearance at new media festivals outside of Japan. He appeared in Linz (Austria) and performed at the 2010 ISEA Ruhrgebiet, where he won the Nam Jun Paik Award. Wada exhibits a keen interest in the physical workings of outdated technology and how it can be turned into a creative tool. A prototype for a proactive media archaeology.

The”Braun Tube Jazz Band“, presented during the recent Transmediale Media Festival in Berlin this February, is an assembly of several classic Braun tubes (short for: Television), which are short-circuited by Wada through his body. All tubes are connected to his body, his feet serving as a grounding for the circuit to function. Probably everyone knows the sizzling feeling at the fingertips, when you approach a classical TV screen. Wada exploits this everyday phenomenon for his music. The electric/magnetic field is the source  to produce sounds by using two screens as antennas and interfering with his hand in the field of the other tubes. Each tube is variously tuned to a different timbre or octave, related to a umber of effects panels and the usual audio-distortion equipment. For anyone sitting in front of the speakers during the second part, this resulted in quite unpleasant low-pitched noise, while for others further in the auditorium the spectrum was much wider. Image became Sound and vice versa.

Before closing his performance, Wada advised the audience on the proper uses of television. Like McLuhan once philosophized that a TV screen could also be used as a light source for someone reading a book, Wada said that it’s better to hit the screen than watch it. We agree: Hit it. Here. Now. Every day. がんばって、ね。新音楽を見つけるよう。

Auf den zweiten Blick

January 31, 2011 § Leave a comment

Spiegelbild

In der kühlen Gleichförmigkeit der Neuen Nationalgalerie stehen unter dem Titel “Moderne Zeiten” wieder einmal die Schätze des Museums zur Beschau. So wie es zur Tradition eines jeden Museums für moderne Kunst gehört, einmal im Jahr eine Ausstellung über Moderne zu machen, so ist auch die Anordnung und Auswahl der Werke gewissermaßen ein Pflichtprogramm.

Man darf sich nicht wundern, dass die Ausstellung bereits 1945 endet, denn kunsthistorisch ist hier wohl eine Zäsur anzusetzen – nicht alles moderne ist Moderne. Lobenswert ist bei dieser Sammlungsschau, dass man wenigstens eine thematische Eingrenzung gemacht hat: So kommt zum Ausklang ein düster beleuchteter Raum zur Weltkriegserfahrung, mit dessen Eindrücken man sich dann gemütlich ins stahlrohrbestuhlte Kunstcafé setzen kann. Von Kirchners farbenfrohen Badenden zu den Agitatoren von Conrad Felixmüller spannt sich ein fast nostalgisch anmutender Bogen von Kunstwerken, der (wieder einmal) den Eindruck hinterlässt, dass das kuratorische Prinzip weit hinter seinen publikumswirksamen Möglichkeiten zurück geblieben ist.

Während der/die Beflissene nach Zusammenhängen sucht, die sich zwischen den Werken, Künstlern und Epochen herstellen lassen, verfolgen die meisten Besucher den Strom von Bildern beiläufig, ständig auf der Suche nach Wiedererkennbarem. Eigentlich sinnbildlich für die Rezeptionshaltung suchte jene Dame mit weißem Fellornament auf dem Kopf in Dalis Bildnis Frau Isabel Styler-Tas (Melancolia) (1945) nach Verwandtschaften. Während Dali im Bild das Innenleben der Frau Styler-Mas in einem baumbesetzten Granitfelsen spiegelt, wähnt sich die aufmerksame Betrachterin gleichsam formal wie ideell an sich selbst erinnert. Sucht also hier jemand nur Bestätigung seiner eigenen ästhetischen Präferenz. Suchen wir sie nicht alle? Und ist nicht die Anordnung von Kunstwerken in einem gleichförmigen Modus der Betrachtung wie ein Spaziergang durch das KaDeWe? Alles recht gut gemacht, gefällig, aber zu teuer für zu Hause. Das Problem von Museen ist doch immer, dass sie die Objekte, manche viele Millionen Euro “wert”, stets wie disponible Objekte verwalten und je nach Präferenz des Themas neu zusammenstellen. Der Kontext macht den Text, allerdings hier ohne Fußnoten.

Kurt Schwitters “Breite Schmurchel” (1924). (C) Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie; © 2006 Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz, Berlin

Man stelle sich dagegen vor, wie Kurt Schwitters 1924 ein paar Resthölzer zusammensucht, vielleicht am Nachmittag vor dem Tee, hier und da etwas feilt, sägt und dann alles zusammenhämmert. Zum Abend hängt das gute Stück dann im Flur oder in der Küche und alle freuen sich über die Breite Schmurchel (1924). Sicher, man könnte auch von einem formal-abstrakten Experiment, einer Synthese von materieller Eigenheit und post-ideeler Abstraktion sprechen. Ohne Diskurs käme aber hier wohl keiner aus. Während viele Arbeiten von Schwitters (hier eine Auswahl) einer Nachkriegsbestürzung Ausdruck verleihen, kommen wir doch mit diesem schon fast humoristischen Stück an die Freiheit heran, es für sich selbst stehen lassen zu können. Die Schmurchel schmeichelt dem Gaumen, das Holz zeigt Zeichen von Abrieb, Praxis, Tätigsein. Es ist eigentlich zu simpel für den Diskurs. Material: Holz (teilweise lackiert) Nägel.

Stellen wir die “Dame mit Bild von Dame” mit der Schmurchel auf eine Ebene wird uns plötzlich klar: jedes Artefakt dient in je anderen Kontexten wieder der Knüpfung kommunikativer Beziehungen. Für Schwitters und seine Freunde war aber dieses Objekt ein anderes als das, was von seinem Kontext befreit nun an einer weissen Wand hängt. Die “Frau Styler-Mas” war eine andere im Kreise ihrer Bekannten, als im Bilde des Dali. Würde man sich auf Seiten der Kuratoren einmal von dem Pathos der Historie befreien, könnte man vielleicht auch die Zuschauer erreichen, die einfach einen netten Nachmittag haben wollten.

Berlin – Anmerkungen zu einem Symbol

September 14, 2010 § 1 Comment

Wer landauf, landab die deutschen Lande bereist, wird selbst bei kurzem Blick auf die Lebensumstände der Bewohner feststellen, dass es wohl kaum irgendwo so … (Lieblingsadjektiv einsetzen) ist, wie in Berlin. Man trifft hier und da auf wesentlich mehr Naturschönheit, auf wesentlich neuere Bauten oder auf wesentlich funktionalere Funktionsgebäude am Stadtrand.

Dabei ist Berlin wirklich im internationalen Vergleich eine sehr grüne Stadt, der Potsdamer Platz eine Ikone moderner Architektur und die Industriegebiete am Stadtrand … im Wesentlichen leer. Autos bauen die deutschen Hersteller nicht in Berlin. Nur Siemens hat noch eine Turbinenfabrik und BMW ein Motorradwerk. Solarfirmen gibt es, ja, aber von denen produzieren die meisten lieber in Brandenburg oder Mitteldeutschland. Die Arbeitslosigkeit in Berlin ist nach dem Fall zuerst der Mauer und dann der Berlin-Zulage bei launigen 13-14% eingeschlafen, während sie gesamtdeutsch momentan etwa halb so hoch ist.

Aus den Medien ist Berlin vor allem bekannt als “Stadt der Kreativen”, der “digitalen Boheme”, der “Brennpunktkieze”, der “Parallelgesellschaften” … und als Sitz der Bundesregierung. Die Anziehungskraft der Stadt für Zuwanderer aus Deutschland und der Welt ist damit nicht erklärt. Im Vergleich mit New York sind die Mieten sicher sehr viel billiger. Im Vergleich mit Prien am Chiemsee gibt es sicher mehr erstklassige Clubs und im Vergleich mit der Betonwüste Tokyo findet man sicher mehr ungenutzte Grünflächen zur Entspannung.

Allein als Symbol taugt Berlin als vielleicht einzige Stadt in Deutschland, die Träume von einem unbekümmerten Leben zu verwirklichen, denen in anderen Teilen der Republik Tradition, Lebenslauf oder Realitätssinn im Wege stehen. Mit der Heterogenität der Grossstadt, die es per se ja überall gibt, muss sich Alt- und Neuberlin allerdings noch anfreunden. Denn als Kehrseite der völligen Gesichtslosigkeit dieser Grossstadt, sind die Parallelgesellschaften längst strukturell und geographisch zum Mainstream geworden. Jeder Versuch, dieser Stadt ein Gesicht, geschweige denn eine Identität zu verpassen, ist stets Zeugnis für das Wiederstreben der Stadt und ihrer Bewohner ein solches zu brauchen. Weder in Moabit noch am Prenzlauer Berg hat ein Image der Stadt eine Bedeutung, dass über die Grenze des soziologischen Profils der Bekanntschaft hinausreicht, was von aussen betrachtet sehr lustig sein kann. Das ist woanders nichts Ungewöhnliches, aber in Berlin “ist” die Stadt auch geographisch nur das, was zum Bekanntenkreis gehört. Anders könnte man sich das beständige Streben der Berliner Kreativen nach einem Branding ihrer drei Lieblingsstadtteile im Namen der gesamten Stadt nicht erklären.

Beispiel der Morgenpostkampagne von um die Ecke beim Media Markt in der Wilmersdorfer

In einer neuen Kampagne für die eher konservative Tagesszeitung “Berliner Morgenpost” versucht die Prenzelberger Agentur Römer und Wildberger nun abermals Berlin mit einem Image zu versehen, das die Stadt sympathischer darstellt als es hier Lebende nachvollziehen können. In anderen Städten hieße es “unfreundlich”, in Berlin ist es eben “herzlich”. Doch selbst in Bayern wird man als Ausländer (Preuße) mehr Herzlichkeit in einer Wirtschaft antreffen, als im versnobten Mitte, wo jede Servicekraft wegen der drei abgebrochenen Studiengänge sich noch immer besser fühlt als die dahergelaufene Kundschaft.

Berlin ist keine Stadt

“Berlin ist gar keine Stadt, sondern Berlin gibt bloß den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen – und zwar darunter viele Menschen von Geist – versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist. Diese bilden das geistige Berlin.” (Heinrich Heine via Inforadio)

Daraus mag sich erklären, warum diese Stadt stets nur “sein” kann, was sie an Möglichkeit bietet. Das Imagegefasel rund um die Identität der Stadt bleibt ein ausgetretener Holzweg um die Probleme der Enklaven herum. Schon die “Be Berlin” Brandingkampagne des Senats von 2009 ist in ihrer Aussage so anheimelnd unbestimmt, dass daraus kein Bekenntnis zur Stadt erwachsen kann. Während Amsterdam mit der I amsterdam-Kampagne zumindest noch ironisch einen Bezug zum Namen und der Kreativität der Stadt herstellt, reicht es in Berlin nur zu einer eckigen Sprechblase, die imperativ den Bewohnern versucht, die Angst vor dem Bekenntnis zu nehmen. Doch das Problem der Stadt ist nicht ihr Image, sondern die symbolische Ausbeutung von Einzelaspekten im Namen der Mehrheit. Wer von Image redet, redet nicht von Lebensbedingungen, von Lebensqualität, von Gemeinsinn oder Zukunftsfähigkeit. Berlin ist, wenn man trotzdem S-Bahn fahren muss, ob se kommt oder nich.

Entweder fehlen dieser Stadt noch 10 Millionen Einwohner oder sie hat 200 Quadratkilometer zu viel Fläche, um den Sog einer echten Grossstadt zu entfalten. Wenn Metropolen Spiegel der Nationen sind, dann sind die versammelten Dörfer von Berlin so deutsch wie die Zugspitze, Mercedes und die Lüneburger Heide zusammen.

Anmerkungen

Hier ein paar weitere Anmerkungen, die auf www.das-ist-berlin.de, der Plattform der Imagekampagne, wohl keine Chance hätten.


Curiosity-driven research: Does it exclude a market?

November 29, 2009 § Leave a comment

Max Weber in Kyoto, Doshisha University Library (女田図, 361.23||W-34, 閉架(B1F))

Dear reader,

who entered “Durkheim Science as a vacation” in an unknown search engine: Your query has been redirected: My article on the subject quotes Weber, Max – not Durkheim, Émile. Because the former is the author of a great essay on the subject of “Science as a Vocation” – a sort of death drive for recognition. The irony of Weber is that as soon as you are recognized as a substantial contributor to science, you will be most likely … retired.

From the viewpoint of many scholars in Germany it is understandable that students now protest against the implementation of the Bologna reforms. Cramming knowledge of centuries into a couple of semesters leaves little space for personal development or even … curiosity. But going on strike, c’mon, is it really going to revive 1968? We have deadlines, too.

The pleasure of the few is happiness for the many

Already Friedrich Nietzsche lamented the state of the German university back in 1872 (Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten). In a conversation of a student and a philosopher-teacher, the student recalls:

“you used to say that no one would long for education if he knew how unbelievably small the number of truly educated people is and can be. And even this small number of truly educated is not really possible without the mass of others, who, against their nature, and determined only by a promising deception, get engaged in education.”

A double analogy at best. Many (the mass) adhere to an ideal of universal education. But for Nietzsche only a few (the truly educated) can attain that ideal. The mass follows an ideal brought down to a “national-economic” formula: “more knowledge and education, thus more production and in the end – more happiness.” If that is the rationale of education, personal development in a more liberal scheme will procure less happiness and less production. Dear reader, the path to less happiness will start with the right terms. And while some are quarreling with the terms, others are operating with factors.

Market accountability – where German and American universities differ

Nathan Rosenberg, professor emeritus of economics at Stanford, gave a lecture at the WZB in Berlin on the structural disparity of German and American universities. His basic assumption was that American higher education was “not a system” but rather an association of individual institutions. His three main points were: 1) research is heavily market oriented 2) graduate students are actively involved and recognized in research and 3) universities are a lot more “responsive” to demands from outside. He was bewildered by the ratio of students per professor in Germany and could not imagine how personal development of individual young researchers was possible under such conditions. A tacit voice from the audience replied: “It isn’t.” But above all he was making the claim that competition among universities for faculty, resources  and students was the driving force behind innovation. American universities are after all “economic institutions” who can manage their day-to-day affairs only on the basis of their interests from accumulated assets.

Stanford University, ⓒ A. Mager

A fellow doctoral student from the USC Annenberg School of Communication commented on a presentation he had seen on an eye-tracking software in Winterthur during a conference on Journalism Research in the Public Interest. The presenter was Sebastian Feuß from the University of Leipzig.  While Feuss presented his findings on the behavior of young people and their online reading/viewing habits in the interest of pure science, my fellow from the USC commented: “If I had that kind of equipment, I’d be a millionaire.” I wouldn’t doubt him. Descending into market orientation – whatever your market may be – is not a bad way to keep your research aligned with public interest. If you want to know a secret about the business world, it will be simple: “Keep the deadline!” Happiness galore.

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Where Am I?

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