Berlin – Anmerkungen zu einem Symbol

September 14, 2010 § 1 Comment

Wer landauf, landab die deutschen Lande bereist, wird selbst bei kurzem Blick auf die Lebensumstände der Bewohner feststellen, dass es wohl kaum irgendwo so … (Lieblingsadjektiv einsetzen) ist, wie in Berlin. Man trifft hier und da auf wesentlich mehr Naturschönheit, auf wesentlich neuere Bauten oder auf wesentlich funktionalere Funktionsgebäude am Stadtrand.

Dabei ist Berlin wirklich im internationalen Vergleich eine sehr grüne Stadt, der Potsdamer Platz eine Ikone moderner Architektur und die Industriegebiete am Stadtrand … im Wesentlichen leer. Autos bauen die deutschen Hersteller nicht in Berlin. Nur Siemens hat noch eine Turbinenfabrik und BMW ein Motorradwerk. Solarfirmen gibt es, ja, aber von denen produzieren die meisten lieber in Brandenburg oder Mitteldeutschland. Die Arbeitslosigkeit in Berlin ist nach dem Fall zuerst der Mauer und dann der Berlin-Zulage bei launigen 13-14% eingeschlafen, während sie gesamtdeutsch momentan etwa halb so hoch ist.

Aus den Medien ist Berlin vor allem bekannt als “Stadt der Kreativen”, der “digitalen Boheme”, der “Brennpunktkieze”, der “Parallelgesellschaften” … und als Sitz der Bundesregierung. Die Anziehungskraft der Stadt für Zuwanderer aus Deutschland und der Welt ist damit nicht erklärt. Im Vergleich mit New York sind die Mieten sicher sehr viel billiger. Im Vergleich mit Prien am Chiemsee gibt es sicher mehr erstklassige Clubs und im Vergleich mit der Betonwüste Tokyo findet man sicher mehr ungenutzte Grünflächen zur Entspannung.

Allein als Symbol taugt Berlin als vielleicht einzige Stadt in Deutschland, die Träume von einem unbekümmerten Leben zu verwirklichen, denen in anderen Teilen der Republik Tradition, Lebenslauf oder Realitätssinn im Wege stehen. Mit der Heterogenität der Grossstadt, die es per se ja überall gibt, muss sich Alt- und Neuberlin allerdings noch anfreunden. Denn als Kehrseite der völligen Gesichtslosigkeit dieser Grossstadt, sind die Parallelgesellschaften längst strukturell und geographisch zum Mainstream geworden. Jeder Versuch, dieser Stadt ein Gesicht, geschweige denn eine Identität zu verpassen, ist stets Zeugnis für das Wiederstreben der Stadt und ihrer Bewohner ein solches zu brauchen. Weder in Moabit noch am Prenzlauer Berg hat ein Image der Stadt eine Bedeutung, dass über die Grenze des soziologischen Profils der Bekanntschaft hinausreicht, was von aussen betrachtet sehr lustig sein kann. Das ist woanders nichts Ungewöhnliches, aber in Berlin “ist” die Stadt auch geographisch nur das, was zum Bekanntenkreis gehört. Anders könnte man sich das beständige Streben der Berliner Kreativen nach einem Branding ihrer drei Lieblingsstadtteile im Namen der gesamten Stadt nicht erklären.

Beispiel der Morgenpostkampagne von um die Ecke beim Media Markt in der Wilmersdorfer

In einer neuen Kampagne für die eher konservative Tagesszeitung “Berliner Morgenpost” versucht die Prenzelberger Agentur Römer und Wildberger nun abermals Berlin mit einem Image zu versehen, das die Stadt sympathischer darstellt als es hier Lebende nachvollziehen können. In anderen Städten hieße es “unfreundlich”, in Berlin ist es eben “herzlich”. Doch selbst in Bayern wird man als Ausländer (Preuße) mehr Herzlichkeit in einer Wirtschaft antreffen, als im versnobten Mitte, wo jede Servicekraft wegen der drei abgebrochenen Studiengänge sich noch immer besser fühlt als die dahergelaufene Kundschaft.

Berlin ist keine Stadt

“Berlin ist gar keine Stadt, sondern Berlin gibt bloß den Ort dazu her, wo sich eine Menge Menschen – und zwar darunter viele Menschen von Geist – versammeln, denen der Ort ganz gleichgültig ist. Diese bilden das geistige Berlin.” (Heinrich Heine via Inforadio)

Daraus mag sich erklären, warum diese Stadt stets nur “sein” kann, was sie an Möglichkeit bietet. Das Imagegefasel rund um die Identität der Stadt bleibt ein ausgetretener Holzweg um die Probleme der Enklaven herum. Schon die “Be Berlin” Brandingkampagne des Senats von 2009 ist in ihrer Aussage so anheimelnd unbestimmt, dass daraus kein Bekenntnis zur Stadt erwachsen kann. Während Amsterdam mit der I amsterdam-Kampagne zumindest noch ironisch einen Bezug zum Namen und der Kreativität der Stadt herstellt, reicht es in Berlin nur zu einer eckigen Sprechblase, die imperativ den Bewohnern versucht, die Angst vor dem Bekenntnis zu nehmen. Doch das Problem der Stadt ist nicht ihr Image, sondern die symbolische Ausbeutung von Einzelaspekten im Namen der Mehrheit. Wer von Image redet, redet nicht von Lebensbedingungen, von Lebensqualität, von Gemeinsinn oder Zukunftsfähigkeit. Berlin ist, wenn man trotzdem S-Bahn fahren muss, ob se kommt oder nich.

Entweder fehlen dieser Stadt noch 10 Millionen Einwohner oder sie hat 200 Quadratkilometer zu viel Fläche, um den Sog einer echten Grossstadt zu entfalten. Wenn Metropolen Spiegel der Nationen sind, dann sind die versammelten Dörfer von Berlin so deutsch wie die Zugspitze, Mercedes und die Lüneburger Heide zusammen.

Anmerkungen

Hier ein paar weitere Anmerkungen, die auf www.das-ist-berlin.de, der Plattform der Imagekampagne, wohl keine Chance hätten.


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